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Ayurveda, die Wissenschaft vom
Leben, ist die'traditionelle indische Heilkunst. fsDie sanfte Therapie entfaltet vor allem bei chronischen
Erkrankungen, Rheuma, Kopfschmerzen, Asthma, Ekzemen oder Neben höhlenentzündungen ihre besondere
Wirksamkeit. Deshalb machen immer mehr Ärzte in aller Welt eine ayurvedische
Zusatzausbildung. Die fünftausend Jahre alte Lehre, von der englischen Kolonialherrschaft einst unterdrückt, gilt heute wieder als Grundsäule der medizinischen Versorgung in Indien
Kerala ist ein kleiner, von Fllüssen und gunen durchzogener Staat im Süd westen des indischen Subkonti
nents, auf der einen Seite die Ausläufer des Cardamom-Gebirges, auf der anderen die Arabische See. Kerala heißt Kokosnußland. Obwohl das kleine Land nur ein Pro zent der indischen Landmasse
einnimmt, erzeugt es siebzig Prozent der indischen Kokosnußproduktion. Kokospalmen sind vielfältig
nutzbar. Die Frauen dreschen die Fasern aus den Schalen und verspinnen sie zu Garn. Weber und Seiler machenv daraus Teppiche und
Taue. Zu Matten ge flochtene Blätter der Kokospalmen dienen als Dächer für die Hütten. Das Holz der Bäume wird zum
Bau von Brücken über die zahlrei chen Kanäle ver wendet. Die Haupt sache aber ist Ko
pra, das getrockne te Fleisch der Ko kosnüsse. Daraus wird Öl
gewonnen. Es brennt in vielen Lampen, nicht zu letzt auch in den
Tempeln, Moscheen und Kirchen. Und schließlich ist Ko kosöl das traditio nelle Massageöl der
Ayurveda-Medizin, bei der es in gera dezu verschwende rischen Mengen an gewendet wird
Also Rücken beschwerden, Sinusitis und allgemeine Erschöpfung", notiert der Arzt im Ayurveda-Zentrum nach dem ersten Gespräch mit der europäischen Be
sucherin. ,Das kriegen wir in zwei Wo chen hin. Hinterher fühlen Sie sich so frisch wie lange nicht
mehr." Dann nimmt der Arzt den Arm der Patientin. Mit drei Fingern drückt er rhyth misch die Innen seite des Handge
lenks. Durch die ay urvedische Pulsdia gnose kann er eine ganze Symphonie körperlicher Signa le
aufnehmen. Die sensiblen Finger kuppen des Arztes erforschen über den
Pulsschlag, was in Lunge, Leber und Nieren der Patientin vor sich geht, und wie es um das Gleichgewicht der Lebenssäfte
steht. Sehr gut", meint der Arzt, ,eine kleine Kapha-Schwäche
vielleicht, und Vata be findet sich leicht im Steigen." Aber das sei auch kein Wunder nach dem langen
Flug. Ayurveda sieht Körper und Geist als eine
Einheit und jeden Menschen von drei inneren Kräften bestimmt: Vata steuert Aktivität und
Bewegung; Pitta regelt Ver dauung, Stoffwechsel und Wärmehaus halt; und Kapha gibt die
Struktur, regu liert die Körperfiüssigkeiten und das Abwehrsystem.
Nach ayurvedischem Verständnis wacht normalerweise die Intelligenz der Natur über das Gleichgewicht dieser Kräf
te. Doch manchmal machen die Unbilden des Lebens ihr zu schaffen - Krankheit bricht
aus, wenn sich eine der Kräfte er regt und sich über die anderen
erhebt. Wo die Balance nicht stimmt, da aktiviert Ay urveda mit einer großen Palette von Arz
neien, Massagen, Diäten oder auch Yoga die körperlichen Selbstheilungskräfte, um die Disharmonie zu
beseitigen.
Mit gewichtiger Gestik schreibt der Arzt seine Verordnung in ein Notizbuch - auf Malayalam, der Amtssprache
Keralas. Damit keine Miß verständnisse aufkommen, reißt er eine Seite heraus und skizziert das weitere Vor gehen fiir die Patientin auf
Englisch: di verse Arzneien um 7, 10, 14, 16 und 21 Uhr, eine Abfolge täglicher Körperbehand lungen und ayurvedisches
Essen. Kein Nikotin", warnt er, ,und Bier nur in Ma ßen. Aber viel heißes
Ingwer-Wasser.'.'
Derweil haben die Masseurinnen im Nebenraum das Ritual der ersten Behand lung
vorbereitet, frische Tücher zurecht gelegt, literweise Kokosöl über einem Ke rosinkocher erhitzt und eine Öl-Messing lampe unter dem Bild einer indischen Gottheit entzündet. Die heilige Flamme soll die Wirksamkeit der Prozedur för
dern. Dr. Sangara Pillai, der Arzt, ergreift die Hände der Patientin und
murmelt, in feierlicher Pose zum Bildnis gewandt, ein Gebet. Er bittet um Unterstützung für Ge sundheit und ein langes
Leben.
Ein Schrein àir die Gottheit steht auch bei ihm zuhause, im Garten seines Fami
lienhospitals. Jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen huldigt der Arzt dem Schutzpatron seiner
Zunft. Seine Eltern, die Gründer der Klinik, gehörten zu den
Ayurveda-Aktivisten, die mit der politi schen Unabhängigkeit Indiens die in Ver gessenheit geratene Heilkunst wieder auf leben ließen. Seit 1948 sind viele ayurve dische Krankenhäuser und Universitäten neu
entstanden. An einer dieser Universitäten, in Trivandrum, der Hauptstadt Ke
ralas, hat auch Pillai vier Jahre studiert. Doch viele Ayurveda-Geheimnisse werden auch heute noch innerhalb der Arztfamù lien von Generation zu Generation weiter
gegeben.
Ach die Kräutermedizin wird wie in lter Zeit hergestellt. Dr. Thanka moni
Amma, die Mutter Pillais, läßt Kräuter und Wurzeln in der Arznei küche der Klinik nach genauen Anweisun gen
mahlen, kochen und sieden. Hochbe tagt und altersgekrümmt beugt sie sich am Schluß jedes Kochvorgangs über die riesigen
Bottiche, nimmt mit einer Kelle Proben des braun-würzigen Suds und prüft mit kritischer
Zunge, ob er gelungen ist. Mit ihren geheimnisvollen Kräuter mixturen vollbringt sie wahre Wunder nicht nur an
,Wohlstandspatienten" aus Europa oder Amerika, sondern auch an wirklich
Leidenden. Die Rezepturen mit rund elftausend Pflanzen, Metallen und Mineralien sollen nahezu alle Krankhei ten heilen oder zumindest
lindern.
Nachdem der Ayurveda-Gott zur Unterstützung feierlich hinzugerufen wor den
ist, kann die Behandlung beginnen.Durch Abhyanga, ei ne Öl-Kräuter-Mas sage, werden fett lösliche
Gifte, die sich im Laufe der Jahre im Gewebe angesammelt ha ben, aus dem Kör per
gewaschen. An den nächsten Tagen sollen Udvarthara Reibemassagen mit einem Brei aus Öl und Getreide sowie Nasya-Behandlun gen mit NasemRa chemSpülungen fol
gen, um möglichst viele Schlacken hin auszubringen und die Lebensenergien zu
erneuern. All diese Streicheleinheiten werden synchron ausgeführt, das heißt auf beiden Körper seiten
gleichzeitig. Das soll die Funktio nen der Gëhirnhälften miteinander in Ein klang
bringen. Für Schamgefühle gibt es bei den ausgedehnten Massagen keinerlei Anlaß: Männer werden immer von Män
nern, Frauen stets von Frauen massiert. Entspannt liegt die Patientin auf dem hölzernen Massage
tisch. Die Masseurin nen Pragashini und Tara, Mutter und Tochter, schöpfen großzügig Öl auf die Haut, das in einer Rinne entlang des Tisches aufgefangen
wird. Sie sind ein we nig verunsichert: Die Touristinnen, die von weither extra für eine Ayurveda-Kur in diesen einsamen Landstrich gereist
sind, kommen ihnen wohl etwas merk wfirdig vor, zumal die meisten äußerlich kerngesund
erscheinen.
Eine gute halbe Stunde hält die Wohl tat der Massage durch die beiden Frauen an. Genießen und gut
durchatmen. Ein sanfter Blütenduft strömt durch das geöff nete Fenster in den
Raum. Endlich beginnt das größte Erlebnis: Auf beiden Seiten gleichzeitig gleiten jeweils zehn Finger über den Körper, mal wirbeln sie kaum spürbar über Handfiächen, Arme und
Beine, mal kreisen und gleiten sie weich über den Rumpf. Den Bauch hinauf und hinunter bis zu den
Schenkeln, den Hals hoch, Kinn, Wangen und Stirn. Umdrehen. Das gleiche von
hinten. Und immer wieder gibt es Überraschungen: Gerade haben die Therapeutinnen noch zärtlich die Mus keln an Armen und Beinen glattgestri
chen, da beginnen sie mit ihren kleinen Fäusten verhärtete Muskelpakete zu bear
beiten: präzise kleine Hammerschläge, bis auch der letzte Quadratzentimeter weich geklopft
ist.
Zwischendurch zaghafte Verständi gungsversuche: ,Schmerzen hier? Nun
besser? Verheiratet? Wie alt?" Bei Gegenfragen kichern sie verschämt. Doch dank
Minimalenglisch, Körperspra che und Ziffernmalereien auf ölgêtränkter Haut kommt
heraus, daß die hübsche Tara mit ihren jugendlichen 24 jahren die Hoff nung auf eine Heirat längst aufgegeben hat, daß Pragashini erst 53 ist und daß das
Familienoberhaupt, ein Fischêreibeamter, seine Angehörigen ohne die Mitarbeit der beiden Frauen nur schwer ernähren könnte.
Die erste Massage ist vorbei. Fürsorg lich hilft Tara der Patientin in (fen Stand und reibt ihr mit einem rauhen Frottee tuch das Öl von der Haut. Besondere Be achtung schenkt sie den glitschigen Fuß
sohlen: Jetzt bloß nicht ausrutschen. Ne benan läßt Pragashini eine Wanne mit warmem Kräuterwasser
ein. Der Wasch vorgang ist gewöhnungsbedürfiig: Wie ein kleines Kind fiihlt man
sich, wenn man von vier Händen mit Kokosseife eingeseift wirst - erst die
Vorderseite, Arme hoch und wieder runter. ,Umdrehen", heißt es
dann, Jemand hilft schiebend und zerrend nach und setzt den Reinigungvorgang auf der Rückseite fort. Jetzt ducken fiir die Haarwäsche, damit die kleinen Wäsche rinnen das hohe Haupt
erreichen, und Au gen zu, im eigenen Interesse.
Mittagszeit. Alle Ölspuren sind besei tigt. Wir sind bereit fiir das Begrüßungs mahl auf der Veranda. Auf dem Tisch lie gen Bananenblätter. Teller und Besteck fehlen àir diesen feierlichen Anlaß. Die Hausherrin schöpft zu Ehren der Gäste aus blanken Töpfen indisches Essen auf die frischgrünen Blätter: Reis, Meeres früchte,
Chicken-Pilau oder Kichadi-Ein topf mit betÖrenden Gewürzmischungen aus
Koriander, Ingwer, Pfeffer, Karda mom, Senfkörnern oder Knoblauch, vom Koch im Holzmörser
zerstampft.
Kichadis sind das Herzstück ayur edischer Heilung durch Ernährung; es sind recht einfache Eintöpfe, die aus Basmati-Reis und halbierten Mun
go-Bohnen bestehen. Sie werden haupt sächlich zur inneren Reinigung gegessen und sind leicht
verdaulich. Ihre Variati onsmöglichkeiten sind schier unendlich, da sie mit sehr vielen verschiedenen Ge würzen, Kräutern und Gemüsen zuberei tet
werden. Durch ihre Vielseitigkeit tun sie jeder Veranlagung gut. Je nach Kombi nation der Zutaten gibt es kühlende oder wärmende
Kichadis, spezielle Gerichte für Nieren und Leber, Milz, Pankreas, Lunge oder die
Fortpflanzungsorgane.
Aber was tun ohne Messer und Ga bel? Nach kurzem Zögern stopfen sich auch die europäischen Gäste die Speisen nach Art der Inder mit der Hand in den
Mund. ,Das Essen schmeckt besser so", oehauptet der Arzt, während er mund gerechte Kugeln aus dem Reis und den Zutaten
knetet, es ist sinnlichen" Mit weiteren Mas sagen und ayurve dischen Mahlzeiten gehen die Tage da hin - in klösterli cher Stille und mit
tiefem, erholsamem Schlaf in den Näch ten. Nach einer knappen Woche ha ben gut zehn Liter Kokosöl die Haut der Patientin gesät
tigt, die Haut wehrt sich und bildet rote Pünktchën. Für den Arzt ist das ein
Zeichen, daß die Behand lung angeschlagen hat und ntm die Zeit für die Udvarthara-Reibemassagen gekom men
ist. Tatsächlich bringt die klebrige Ab reibung mit heißen Breibeuteln sp'tirbare
Besserung. Schon am übernächsten Tag strahlt die Haut wie Samt und
Seide. Und als dann im Laufe der zweiten Woche die Nasya-Behandlung, die befreiende Na sendusche mit äthe rischen Ölen, hinzu
kommt, wird der Kopf so klar wie lange nicht mehr. Vata gibt klein bei. Mit Triumph ertastet Dr. Pillai am Abreise tag den
Puls. Diesmal tanzt kein Dosha mehr aus der Reihe. Körper und Geist der Patientin sind mit sich im
reinen.
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